Warum ich Facebook den Rücken kehre

Mach's gut Facebook & Danke für den Fisch

Ich bin auf Facebook seit April 2008. Vor 12 Jahren war das Internet noch beseelt von dem Zauber des Anfangs. Jeden Tag etwas Neues. Eine neue interessante Website, eine neue Technologie, eine neue einfach lustige Sache. Oder eine neue Ansicht auf die Dinge. Man konnte so irre viel lernen.

Na klar: Das kann man heute auch. Sogar mehr denn jemals zu vor. Dennoch hatte und hat Facebook eine unheimliche Sogwirkung. Vom Start weg.

Auch heute noch könnte man es als Plattform der Möglichkeiten sehen. Nur ist es auch eine Plattform des Hasses und der selbstverliebten, egozentrischen „Meinungsbilder“. Es geht nur noch um den eigenen Standpunkt. Da ist kaum noch ein gegenseitiges, echtes Zuhören. Sich Zeit nehmen. Geschweige denn Verstehen. Keine täglichen kleinen Wunder mehr. Kein Abenteuer. Nur noch Kampf.

Wie habe ich vor – es müssen fünf, oder sechs Jahre her sein, vielleicht länger – die Aufrufe zum Massenverlassen von Facebook belächelt. Dabei suche ich selbst seit mehreren Jahren eigentlich nur noch den richtigen Zeitpunkt für den Absprung. Gar nicht so leicht, wenn man das Netzwerk „eigentlich“ auch beruflich braucht. Eigentlich.

Eigentlich auch nicht.

Ich will gar nicht undankbar sein. Es gab auch schöne Zeiten. Ich hätte ohne Facebook nie den Kontakt zu längst vergessenen Menschen aufnehmen können. Einfach jeder war irgendwann auf Facebook. Selbst meine heutige Frau und Mutter meiner wunderbaren Tochter. Hätten wir uns ohne Facebook gefunden? Gäbe es meine Tochter heute?

Dennoch. Facebook macht mittlerweile nur noch krank. Ich habe inzwischen zwei, oder drei längere Pausen hinter mir. Die Intervalle in denen mich das Netzwerk angefangen hatte zu nerven, sind immer kürzer geworden. Zuletzt waren es nur wenige Tage von einer Pause zu dieser Entscheidung jetzt. Zwei lächerliche Threads, die mir nur noch Kraft und Energie rauben. Etwas das ich nicht mehr zulasse in meinem Leben.

Ähnlich geht es mir mit dem Informationsgehalt. Defakto werden immer weniger sinn-stiftende Informationen geteilt. Wann wurdest Du das letzte mal zum Lachen gebracht? Konntest teilnehmen an den schönen Momenten von anderen Menschen? Oder hast dieses Aha-Erlebnis wie es noch vor 12 Jahren fast jeden Tag geschah? Anstelle dessen gibt es eine unangenehme Masse an Schnell-Hektisch-Reich-Werden Werbeeinblendungen, Hass und Hetze. Blinder Fanatismus.

Hey, selbst in simplen Verkaufsgruppen wird rum diskutiert ob Preise gerechtfertigt sind, oder es überhaupt sinnvoll ist dieses oder jenes zu verkaufen. Wenn Frauen alte Kleider verkaufen wollen, wird es rasch auf widerliche Art und Weise sexistisch.

Die Kommentarspalten der Tagespressebeiträge sind voller ungezügelter, nicht selten bewusst herbeigeführter und hanebüchener Auskotzmeinungen, unverhohlenem Rassismus, Aufruf zum Massenmord und Verschwörungstheoretikern. Seit wann gibt es eigentlich das Wort „Clickbait“? Hauptsache die Headline, das Bild und die ersten drei Zeilen erzeugen einen möglichst maximale Interaktion, um auch noch irgendwie etwas vom Werbekuchen abzubekommen.

Keine Moderation weit und breit. Menschen werden bedroht und niemand steht irgendjemandem bei. Eine Hexenjagd, wie man sie nur aus schlechten Filmen kennt. Im Gegenteil. Je aufgehetzter die Masse ist, desto besser triggert der Algorithmus an und pusht eben diese Beiträge noch weiter nach oben in die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen. Die mittlerweile nicht weit über der eines Goldfisches liegt. Bei manchen ist das auch gleichbedeutend mit der Intelligenz.

Es wird am Smartphone gescrollt als gäbe es kein Morgen mehr. Jeden morgen als erstes. Jede freie Minute. Jeden Abend. Man kommt sich vor wie ein Raucher, der sich alle paar Stunden einen Lungentorpedo unbedingt gönnen muss, aber den Gestank eigentlich hasst und sich jede Minute vornimmt aufzuhören. Das ist der letzte Zug. Das ist der letzte Scroll. Endgültig. Aber einmal heimlich geht noch. Fällt ja nicht auf.

Die Metapher mit dem Rauchen passt vielleicht sogar ganz gut. Oder wie fühlten sich die ersten Zigaretten für Dich an? Sei ganz ehrlich: Toll, oder? Nach Abenteuer. Nach „dazugehören“. Meist auf dem Schulhof. Doch ich will hier keine Lanze für das Rauchen brechen. Ganz im Gegenteil.

Leider hat Facebook die Kurve nicht gekriegt. Ich weiß nicht genau wann dieser Punkt kam. War es das Einführen der anderen „Like“-Emoticons? Gefühlt ist mit dem Aufkommen des Hatesmilies alles sehr schnell in eine Schieflage geraten. Vorher musste man sich zwangsläufig für ein positives Signal – den Daumen hoch – entscheiden. Das passte nicht jedem. Heute sieht man auf einen Blick den Hass in jedem Post. Und dieser verfolgt einen auf Schritt und Tritt. Der Algorithmus ist sein eigener größter Feind geworden und meiner Meinung nach sein eigener Untergang.

Oder war es die Art und Weise wie Facebook moderiert? Beziehungsweise ja eben gefühlt nicht moderiert? Unfair. Ja, ja. Ich weiß das es Teams auf der ganzen Welt gibt, die in Sekundenschnelle die schlimmsten Beiträge versuchen zu löschen. Die armen Menschen, die diese Bilder ertragen müssen. Die armen Menschen hinter diesen Bildern. Das Schlimmste was ich einmal gesehen habe – und es ist schon Jahre her – war ein Suizid. Facebook hatte es nicht schnell genug gelöscht und ich hatte nicht mit den Bildern gerechnet. Sie gehen mir nie wieder aus den Kopf.

Also ziehe ich in Summe die Konsequenzen und werde nun Facebook den Rücken kehren. Als reine Privatperson. Mein Account bleibt bestehen, da ich ihn tatsächlich noch für berufliche Zwecke benötige. Ich werde jedoch nicht länger kommentieren, etwas posten, teilen, liken oder sonst irgendeine Interaktion tätigen, die nicht rein beruflich ist. Ich hoffe es gelingt mir.

Ich hoffe das es irgendwann einmal ein neues, echtes soziales Netzwerk gibt, welches das Gefühl des Abenteuers und des täglichen Entdeckens wieder hervorbringt.

Bye, bye Facebook. Danke für den Fisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.