Vorwort:
Liebe Familie, liebe Freunde – und alle, die sich angesprochen fühlen, – und alle, mit denen ich diese Diskussion immer wieder führe,
Das hier ist kein spontaner Post, kein Bauchgefühl und auch keine „Meinung aus dem Internet“. Das hier basiert auf Zahlen, auf Statistiken, auf belegbaren Fakten. Dinge, die man nachlesen, überprüfen und nachvollziehen kann – wenn man es wirklich will.
Ich sage es direkt: Wenn ihr diesen Beitrag gelesen habt und danach immer noch bei denselben einfachen Parolen bleibt, dann lasst uns dieses Thema künftig einfach sein lassen. Dann geht es nicht mehr um Fakten, sondern darum, dass ihr sie nicht sehen wollt. Und dagegen komme ich nicht an – und will ich ehrlich gesagt auch nicht mehr ankämpfen.
Ich habe keine Lust mehr, mir anzuhören, dass Migranten „das Problem“ sind, während gleichzeitig Dinge verteidigt werden, die in völlig anderen Größenordnungen spielen. Ich habe keine Lust mehr auf Stammtischlogik, auf verkürzte Weltbilder und auf das ständige Wiederholen von Narrativen, die man eins zu eins aus bestimmten politischen Ecken kennt. Wenn ihr diese Positionen vertreten wollt, wenn ihr Parteien wie die AfD verteidigt oder solche Denkweisen gutheißt – dann ist das eure Entscheidung. Aber bitte nicht mehr in meinem Beisein.
Dieser Text ist genau deshalb entstanden. Er ist mein Versuch, ein letztes Mal ruhig, strukturiert und faktenbasiert darzulegen, worum es wirklich geht. Was ihr damit macht, liegt bei euch. Ihr könnt ihn ablehnen, euch darüber ärgern oder ihn ernsthaft lesen. Alles okay.
Ein Punkt noch vorweg: Viele der Quellen sind auf Englisch. Das ist kein Nachteil – im Gegenteil, oft handelt es sich dabei um internationale Studien oder offizielle Reports. Und selbst ohne jede einzelne Quelle im Detail zu prüfen, lässt sich die Argumentation dahinter eigentlich klar nachvollziehen. Es geht hier nicht um schwer verständliche Fachtheorie, sondern um einfache Zusammenhänge, Größenordnungen und logisches Denken. Wenn irgendwo etwas unklar ist, helfe ich jederzeit gern beim Einordnen oder Übersetzen.
„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“
– Francis Picabia
Ich bin 48. Ich habe zwei Kinder. Ich bin selbstständig. Mein Alltag ist voll genug. Ich bin nicht euer Punchingball für immer gleiche politische Diskussionen, die sich im Kreis drehen und am Ende doch wieder bei denselben Parolen landen.
Dass ich diesen Beitrag überhaupt veröffentliche – auf einer Plattform, auf der seit Jahren (zuletzt 2021!) nichts mehr kam – sollte euch zeigen, wie ernst es mir damit ist.
Wenn dieses Thema künftig wieder aufkommt, verweise ich einfach auf diesen Text. Und dann ist das für mich erledigt.
Was ihr daraus macht, ist eure Sache. Ich liebe Euch alle dennoch. Sonst hätte ich mir auf einen Sonntag Abend um 23:25Uhr wohl kaum die Mühe gemacht.
Worum es in Wahrheit geht
Viele politische Parolen funktionieren immer gleich: Sie zeigen auf die sichtbarste Gruppe, nicht auf die größte Zahl. Ökonomisch ist das oft ein Taschenspielertrick. In Deutschland ist Vermögen sehr ungleich verteilt: Laut Bundesbank[1] besitzt das reichste Zehntel der Haushalte in der Haushaltsbefragung 2023 mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens; in den korrigierten „Distributional Wealth Accounts“, die die Untererfassung sehr reicher Haushalte teilweise ausgleichen sollen, sind es sogar 60,5 Prozent. Gleichzeitig lag das Median-Nettovermögen eines Haushalts 2023 bei nur 103.200 Euro. Die Bundesbank betont ausdrücklich, dass Deutschland im europäischen Vergleich weiterhin eine hohe Vermögensungleichheit aufweist. [2]
Anders gesagt: Wenn man die Staatsfinanzen und die Verteilung von Macht und Chancen verstehen will, dann muss man auf große Vermögen, Erbschaften, Unternehmensanteile und Kapitaleinkommen schauen. Wer stattdessen so tut, als läge das Hauptproblem bei Menschen, die einwandern, verwechselt die quietschende Tür mit dem brennenden Dach. [3]
Wie groß eine Milliarde wirklich ist
Der Unterschied zwischen Million und Milliarde ist nicht „groß“. Er ist absurd groß. Eine Milliarde ist tausend Millionen. Eine Million Sekunden sind knapp 11,6 Tage. Eine Milliarde Sekunden sind knapp 31,7 Jahre. Wer 1955 mit einer Milliarde Euro geboren worden wäre und seitdem jeden einzelnen Tag 1.000 Euro ausgegeben hätte, hätte heute immer noch rund 974 Millionen Euro übrig. Genau deshalb ist „Millionär“ nicht einfach die kleine Schwester von „Milliardär“, sondern eine vollkommen andere Liga des Geldes.
Und selbst dieses Beispiel kratzt nur an der Oberfläche – denn es geht hier um eine Milliarde. Die Realität sieht anders aus: Die meisten Milliardäre besitzen nicht „nur“ eine Milliarde, sondern gleich mehrere. Laut aktuellen Auswertungen der Forbes-Liste liegt das durchschnittliche Vermögen von Milliardären weltweit bei mehreren Milliarden, und ein erheblicher Teil bewegt sich deutlich oberhalb von 5 oder sogar 10 Milliarden. Wirklich „knapp über der Milliarde“ sind nur vergleichsweise wenige. Der Großteil dieser Vermögen wächst schnell in ganz andere Dimensionen – bis hin zu zweistelligen oder sogar dreistelligen Milliardenbeträgen.
Oder anders gesagt: Selbst das, was wir uns gerade als „extrem viel“ vorstellen, ist für viele in dieser Gruppe nur die Einstiegsklasse.
Noch greifbarer: In Deutschland gab es laut aktuellem Global Wealth Report rund 2.675 Millionen Dollar-Millionäre. Auf der Weltmilliardärsliste für 2026 werden für Deutschland rund 212 Milliardäre geführt. Schon diese Zahlen zeigen: Milliardäre sind selbst innerhalb der Wohlhabenden eine winzige Spitze. Und ein Vermögen von einer Milliarde Euro entspricht ungefähr dem 9.690-Fachen des Median-Nettovermögens eines deutschen Haushalts. Selbst gegenüber der grob geschätzten Eingangsschwelle ins reichste Zehntel ist eine Milliarde noch einmal etwa 1.275-mal so groß. [4]

Das erklärt auch, warum die Empörung über Politiker-Diäten oft in die falsche Größenordnung zielt. Laut Deutscher Bundestag[5] steigt die monatliche Abgeordnetenentschädigung zum 1. Juli 2026 von 11.833,47 auf 12.330,48 Euro. Rechnet man das auf alle 630 Abgeordneten hoch, kostet allein dieses Plus pro Jahr rund 3,76 Millionen Euro. Eine 2-Prozent-Abgabe auf nur ein einziges Vermögen von einer Milliarde Euro ergäbe dagegen 20 Millionen Euro pro Jahr – also gut das Fünffache dieser kompletten jährlichen Erhöhung für alle Bundestagsabgeordneten zusammen. Man kann Diäten kritisieren; fiskalisch sind sie trotzdem eher die Türklinke als der Tresorraum. [6]
Hinzu kommt: Der Sachverständigenrat[7] schätzt, dass in Deutschland 30 bis 50 Prozent des Vermögens auf Erbschaften und Schenkungen zurückgehen. Das heißt nicht, dass Leistung keine Rolle spielt. Aber es heißt sehr wohl: Der Satz „Die haben sich das alles verdient“ ist für einen großen Teil großer Vermögen zu schlicht. In Deutschland ist Vermögen eben auch stark vererbt, nicht nur erarbeitet. [8]

Das Potential einer Milliarden-Besteuerung
Man hört oft das Argument, eine Vermögensteuer würde ’nichts bringen‘ oder sei ‚zu kompliziert‘. Schauen wir uns die realen Größenordnungen an: In Deutschland besitzen laut aktuellen Schätzungen rund 265 Milliardäre zusammen ein Vermögen von etwa 1,16 Billionen Euro [31].
- 1 % Abgabe auf dieses Vermögen (oberhalb hoher Freibeträge) würde jährlich rund 11,6 Milliarden Euro einbringen [32].
- 5 % Abgabe – wie sie für extreme Spitzenvermögen diskutiert wird – entsprächen sogar rund 58 Milliarden Euro [32].
Damit wir nicht nur über abstrakte Zahlen reden: Was könnten wir mit diesem Geld jährlich konkret für unseren Alltag tun?
- Marode Schulen sanieren: Der KfW-Kommunalpanel beziffert den Sanierungsstau an deutschen Schulen auf rund 50 Milliarden Euro [34]. Mit einer einmaligen 5-Prozent-Abgabe der reichsten Deutschen könnten wir jede einzelne Schule im Land von Grund auf modernisieren, digitalisieren und energetisch sanieren.
- Pflegekrise beenden: 10 Milliarden Euro jährlich würden ausreichen, um ca. 150.000 zusätzliche Pflegekräfte einzustellen und sie deutlich über Tarif zu bezahlen [35]. Das würde den Pflegenotstand fast im Alleingang lösen.
- Bezahlbarer Wohnraum: Mit 10 Milliarden Euro könnten wir jährlich 35.000 bis 40.000 neue, preisgebundene Sozialwohnungen bauen – jedes Jahr [36].
- Infrastruktur retten: Die Sanierung aller baufälligen Autobahnbrücken in Deutschland bis 2030 wird auf ca. 9,3 Milliarden Euro geschätzt [34]. Ein Bruchteil der Milliarden-Besteuerung würde reichen, um unser Schienen- und Straßennetz vor dem Kollaps zu bewahren.
Wer also behauptet, wir hätten ‚kein Geld‘ für Bildung oder Infrastruktur, verschweigt, dass wir lediglich darauf verzichten, dort Steuern zu erheben, wo es am wenigsten schmerzt.

Warum die Erzählung von den Migranten als Hauptproblem zu kurz greift
Laut Destatis[9] lebten 2024 in Deutschland rund 21,2 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte, also 25,6 Prozent der Bevölkerung. Diese Gruppe ist im Schnitt deutlich jünger: Menschen mit Einwanderungsgeschichte waren 2024 im Mittel 38,2 Jahre alt, Menschen ohne Einwanderungsgeschichte 47,4 Jahre. Allein dieser Altersunterschied ist ökonomisch wichtig, weil ein alterndes Land Erwerbstätige, Beitragszahler und Familien im arbeitsfähigen Alter braucht. [10]
Auch der Arbeitsmarkt spricht eine klare Sprache. Das IAB[11] zeigt, dass der Beschäftigungszuwachs bei Fachkräften seit 2015 allein durch ausländische Beschäftigte zustande kam; bei Helfertätigkeiten kam das Plus ebenfalls fast ausschließlich von ausländischen Beschäftigten. 2024 hatten rund 16,1 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland eine ausländische Staatsangehörigkeit. Die Bundesagentur für Arbeit[12] formuliert es noch zugespitzter: Das leichte Beschäftigungswachstum in Deutschland 2024 sei ausschließlich auf den Anstieg der Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums und der Schweiz zurückzuführen. Gleichzeitig liegt die Beschäftigungsquote von Einwanderern in Deutschland laut OECD[13] bei 70 Prozent, höher als in den meisten vergleichbaren EU-Ländern und auf Rekordniveau. [14]
Die fiskalische Wirklichkeit ist ebenfalls komplizierter als das Gerede von den „Kosten“. Die neuere wissenschaftliche Schätzung der direkten fiskalischen Nettobeiträge nach Nationalität für Deutschland kommt für 2018 zu einem differenzierten Bild: Deutsche Staatsangehörige lagen im Schnitt bei +629 Euro, EU-Staatsangehörige bei +3.175 Euro, Nicht-EU-Staatsangehörige bei -2.633 Euro. Entscheidend ist aber die Größenordnung: Der gesamte kombinierte direkte Nettobeitrag von Ausländern in Deutschland war in dieser Rechnung nur leicht negativ, nämlich bei rund -2,5 Milliarden Euro oder 0,07 Prozent des BIP. Die Autoren betonen außerdem ausdrücklich, dass diese Größe nicht den gesamten wirtschaftlichen Effekt von Migration abbildet. Parallel hält das IAB fest, dass Schutzsuchende in der ersten Phase fiskalisch eher belasten, sich die Bilanz mit der Zeit aber verbessert und sogar positiv werden kann. Wer also aus „Es gibt kurzfristige Integrationskosten“ macht: „Die Migranten kosten den Staat ein Vermögen“, verdreht eine differenzierte Bilanz zu einer Parole. [15]
Was Deutschland ohne Einwanderung verliert
Der vielleicht wichtigste Satz in der ganzen Debatte lautet: Deutschland braucht Zuwanderung nicht als Luxus, sondern als demografische Notwendigkeit. Ein IAB-Forschungsbericht von 2025 hält fest, dass Deutschland eine Nettozuwanderung von rund 400.000 Menschen pro Jahr braucht, um das Erwerbspersonenpotenzial zu stabilisieren. Zugleich sind von knapp 35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten schon über acht Millionen mindestens 55 Jahre alt und werden in den nächsten Jahren schrittweise aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. [16]
Dazu kommt: Deutschland ist längst auf mobile Arbeit angewiesen. 2024 waren hier rund 2,7 Millionen EU-Ausländerinnen und -Ausländer beschäftigt. Wer in so einer Lage pauschal gegen Einwanderung mobilisiert, fordert im Kern, dass ein alterndes Industrieland auf Arbeitskräfte, Beitragszahler und einen Teil seiner Zukunftsfähigkeit verzichten soll. Das ist ungefähr so vernünftig, wie im Winter die Heizung auszubauen, weil Gas Geld kostet. [17]
Wer es bildlich sehen will: Sehr gute Grafiken finden sich in der verlinkten IAB-Abbildung zur Beschäftigungsentwicklung nach Anforderungsniveau und Staatsangehörigkeit sowie in der OECD-Grafik zur Beschäftigungsquote von Einwanderern in Deutschland. Beide sind gerade deshalb hilfreich, weil sie Parolen durch Größenordnungen ersetzen. [18]

Was Kriminalitätszahlen tatsächlich zeigen
Natürlich gibt es Kriminalität unter Einwanderern. Es gibt aber auch Kriminalität ohne Einwanderer, und die bloße Existenz von Straftaten beweist noch nicht, dass Migration das Hauptproblem ist. Langfristig zeigt sich in Deutschland gerade kein einfacher Zusammenhang „mehr Ausländer gleich mehr Kriminalität“: Seit 2005 stieg die Zahl der Ausländer laut Aufbereitung auf Basis der Polizeilichen Kriminalstatistik und Bevölkerungsdaten um mehr als 70 Prozent, während die Kriminalitätsrate im gleichen Zeitraum um rund 14 Prozent zurückging; bei Gewaltkriminalität lag die Rate 2024 nahezu auf dem Niveau von 2005. [19]
Wichtig ist außerdem, was die Polizeiliche Kriminalstatistik misst – und was nicht. Sie erfasst Tatverdächtige, nicht Verurteilte. Sie enthält bei Ausländern zusätzlich Delikte, die Deutsche gar nicht begehen können, etwa aufenthaltsrechtliche Verstöße. Und sie ist für direkte Vergleiche zwischen Deutschen und Nichtdeutschen nur eingeschränkt geeignet, weil unter den nichtdeutschen Tatverdächtigen auch Menschen ohne Wohnsitz in Deutschland sind und weil Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur stark unterschiedlich sind. Die pauschale Gegenüberstellung „35,4 Prozent ausländische Tatverdächtige bei 14 bis 15 Prozent Ausländeranteil“ erzeugt deshalb laut der sicherheitspolitischen Forschung ein verzerrtes Bild. [20]
Wenn man über politisch motivierten Extremismus spricht, ist das Bild wiederum sehr klar: Laut den offiziellen Zahlen für 2024 wurden der „PMK rechts“ 42.788 Straftaten zugeordnet, darunter 1.281 Gewalttaten; der „PMK links“ wurden 9.971 Straftaten zugeordnet, darunter 532 Gewalttaten. Im BKA-Factsheet heißt es außerdem, dass durch rechtsmotivierte Gewalt 1.068 Personen, durch linksmotivierte Gewalt 377 Personen geschädigt wurden. Das bedeutet nicht, dass „alle Kriminalität“ rechts sei. Aber es bedeutet sehr wohl: Wer das Bedrohungsbild aus dem politischen Extremismus heraus ernst nimmt, kann rechte Gewalt nicht als Randnotiz behandeln. [21]

Warum arm sein kein „Schmarotzertum“ ist
Ein besonders perfides Narrativ ist die Behauptung, Menschen in Armut lägen dem Staat nur ‚auf der Tasche‘. Die Zahlen zeigen ein völlig anderes Bild:
- Die „echten“ Verweigerer: Laut offiziellen Statistiken der Bundesagentur für Arbeit liegt die Zahl der sogenannten ‚Totalverweigerer‘ im Bürgergeld konstant im extrem niedrigen Bereich von ca. 0,5 % bis 1 % [37]. Ein solidarisches Sozialsystem fängt Schicksalsschläge auf; ein gewisser Prozentsatz an Inaktivität ist der Preis für eine friedliche, stabile Gesellschaft. Die Alternative – die Abschaffung des Sozialstaats – führt nachweislich zu explodierender Kriminalität und sozialem Zerfall [38].
- Arbeit schützt nicht vor Armut: Über 20 % der Vollzeitbeschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor [39]. Viele davon sind ‚Aufstocker‘. Wer diese Menschen als ‚Schmarotzer‘ bezeichnet, verhöhnt diejenigen, die das Land am Laufen halten, aber nicht genug zum Leben verdienen.
- Strukturelle Hürden & Erbe: Über 50 % aller Erwerbslosen sind armutsgefährdet. Armut ist oft erblich: Wer arm geboren wird, hat statistisch kaum eine Chance auf Aufstieg [39]. Gleichzeitig gehen 30 bis 50 % des Vermögens in Deutschland auf Erbschaften zurück – hier wird Geld ohne jede eigene Arbeitsleistung empfangen, was jedoch selten als ‚Schmarotzertum‘ tituliert wird [33].
- Risikogruppen: Die am stärksten Betroffenen sind Alleinerziehende (über 40 %) und Kinder [39]. Armut ist kein Charakterfehler, sondern meist das Ergebnis von fehlenden Chancen, Krankheit, Lokalität, institutionellem Rassismus, Sexismus, Geschlecht, Alter, Vorurteilen und noch einigen weiteren Faktoren.
Der Mythos „Einfach arbeiten gehen“ (KI & Ghost-Jobs)
Die Forderung ‚Müssen halt alle arbeiten gehen‘ ignoriert die moderne Realität fundamental:
- Ghost-Jobs & Schein-Wachstum: Viele offene Stellen existieren real gar nicht. Unternehmen schalten Anzeigen oft nur, um bei Investoren und B2B-Kunden den Eindruck von Wachstum zu erwecken. Eine Firma ohne offene Stellen wirkt ‚statisch‘ und bekommt nachweislich schwerer öffentliche Aufträge [40]. Dieser Wachstums-Hype verzerrt die Wahrnehmung des Arbeitsmarktes massiv.
- Der Mismatch: Wir haben keinen allgemeinen Arbeitsmangel, sondern ein strukturelles Problem. Was nützt eine Stelle für einen KI-Ingenieur, wenn ein gelernter Handwerker in einer anderen Region gesundheitlich angeschlagen ist oder seine Eltern pflegt? Lebensmittelpunkte lassen sich nicht per Dekret verschieben.
- Anerkennungs-Chaos: Tausende Fachkräfte (z. B. Ärzte oder Lehrer mit Fluchthintergrund) sitzen in der Untätigkeit fest, weil ihre Abschlüsse in deutschen Bürokratie-Mühlen zermahlen werden [35].
- Umschulung vs. Zwang: Qualifizierung kostet Jahre und Geld. Menschen in Jobs zu zwingen, für die sie keine Begabung haben, führt zu psychischen Krankheiten, nicht zu Produktivität. In einer Demokratie müssen wir über Anreize (Löhne!) reden, nicht über Zwangsarbeit [38].
- Die KI-Revolution: Industrie 4.0 und KI werden in den nächsten 10–20 Jahren Millionen von Jobs in Verwaltung und Produktion überflüssig machen [41]. Schon heute arbeiten 42 % in Berufen mit hohem Automatisierungspotenzial [42]. Wenn Maschinen den Reichtum erwirtschaften, muss die Frage der Verteilung neu gestellt werden, da ‚harte Arbeit‘ als alleinige Existenzgrundlage für viele wegbrechen wird.

Wie andere Länder an große Vermögen herangehen
Die Behauptung, Vermögensbesteuerung sei völlig unrealistisch oder automatisch wirtschaftlicher Selbstmord, hält dem internationalen Vergleich nicht stand. Norwegen[22] erhebt eine Nettovermögensteuer auf das Nettovermögen von Privatpersonen; 2026 gelten auf staatlicher und kommunaler Ebene zusammen Sätze von 1,0 bis 1,1 Prozent oberhalb bestimmter Schwellen. In der Schweiz[23] dienen Vermögen ausdrücklich als Steuerbasis; dort existieren kantonale Vermögensteuern seit Langem. Spanien[24] erhebt zusätzlich einen „Temporary Solidarity Tax on Large Fortunes“ für Nettovermögen über 3 Millionen Euro. [25]
Diese Länder sind nicht in ein ökonomisches Loch gefallen. Die Schweiz verzeichnete 2024 ein BIP pro Kopf von rund 104.000 US-Dollar, Norwegen von rund 86.800 US-Dollar. Für Spanien erwartet die OECD trotz bestehender Vermögensbesteuerung weiterhin robustes Wachstum – 2,9 Prozent 2025 und 2,2 Prozent 2026 – und hebt ausdrücklich hervor, dass starke Jobschaffung sowie hohe Nettozuwanderung wesentlich zu Beschäftigung und Wachstum beigetragen haben. Der Punkt ist nicht, dass jedes Land einfach kopiert werden kann. Der Punkt ist: Die reale Welt zeigt, dass man Vermögen besteuern und trotzdem prosperieren kann. [26]
Auch das Schreckgespenst der Massenflucht der Superreichen ist schwächer belegt, als oft behauptet wird. Eine aktuelle europäische Übersicht des European Tax Observatory kommt zu dem Ergebnis, dass es zwar Ausweich- und Verlagerungseffekte gibt, diese aber quantitativ klein und die gesamtwirtschaftlichen Effekte minimal sind. Für Frankreich werden bei einer Erhöhung der Besteuerung großer Vermögen sehr geringe Wegzugseffekte ausgewiesen; für skandinavische Länder zeigen neuere Arbeiten ebenfalls nur kleine Makroeffekte auf Beschäftigung, Investitionen und Wertschöpfung. Wer so tut, als würde schon jede moderate Besteuerung sofort ganze Volkswirtschaften leerräumen, behauptet also mehr, als die empirische Forschung hergibt. [27]
Für eine anschauliche Übersicht lohnt sich besonders die verlinkte Vergleichstabelle des Tax Observatory zu europäischen Vermögenssteuermodellen. Sie zeigt auf einen Blick: Deutschland ist mit der Aussetzung der Vermögensteuer 1997 keineswegs der einzige Weg, und andere Modelle existieren ganz real. [28]
Warum Deutschland nicht auf andere warten muss
Deutschland muss nicht erst darauf warten, dass „alle anderen“ etwas tun. Politik wurde noch nie dadurch besser, dass jeder auf jeden wartet. Gerade weil die Vermögensungleichheit hier hoch ist, weil ein erheblicher Teil des Vermögens auf Erbschaften und Schenkungen zurückgeht und weil die Gesellschaft altert, hat Deutschland eigene Gründe, große Vermögen, Erbschaften und Begünstigungen für Betriebsvermögen genauer in den Blick zu nehmen. Der Sachverständigenrat argumentiert genau deshalb für eine gleichmäßigere Besteuerung von Erbschaften und Schenkungen sowie für bessere Vermögensdaten als Grundlage evidenzbasierter Politik. [8]
Der eigentlich nüchterne Satz für den Küchentisch lautet daher: Einwanderer sind für Deutschland vor allem Arbeitskräfte, Beitragszahler, Fachkräfte, Nachbarn, Eltern und Kinder in einem alternden Land. Milliardäre sind keine gewöhnlichen „Reichen“, sondern eine extreme Vermögensspitze mit völlig anderer finanzieller Wucht. Wer in dieser Lage zuerst nach unten oder zur Seite tritt, statt nach oben zu schauen, irrt sich nicht nur moralisch, sondern oft schon bei den Größenordnungen. [29]

Warum Milliardäre nicht einfach „abhauen“
Ein oft gehörtes Argument ist: „Dann gehen die halt ins Ausland.“
Das klingt erstmal logisch – ist es aber nicht.
Milliardäre funktionieren nicht wie jemand, der sich überlegt, ob er aus einer Mietwohnung auszieht, weil die Nebenkosten steigen. Wir reden hier nicht über jemanden, der von einer 3-Zimmer-Wohnung ins Eigenheim wechselt. Wir reden auch nicht über jemanden, der von einem Haus in eine Villa zieht. Wir reden über Menschen, die in einer völlig anderen Liga leben: Ein Anwesen statt einer Wohnung. Mehrere Anwesen statt eines Hauses. Und zwar nicht nur in einem Land, sondern weltweit.
Ein Milliardär hat nicht „einen Wohnsitz“, er hat Lebensrealitäten in mehreren Ländern gleichzeitig. Wirtschaftlich, privat, strukturell. Firmen, Netzwerke, Immobilien, Einfluss – all das hängt nicht an einem einzelnen Ort, den man mal eben aufgibt, weil sich eine Steuer um ein paar Prozentpunkte verändert.
Die Vorstellung, dass eine Familie wie hinter Lidl von heute auf morgen Deutschland verlässt, nur weil auf extreme Vermögen 1–5 % mehr Steuern erhoben werden, ist ungefähr so realistisch wie die Idee, dass jemand sein ganzes Leben umkrempelt, weil die Grundsteuer leicht steigt. Natürlich gibt es Lobbyarbeit dagegen – klar. Aber nicht, weil sie sonst „gehen müssen“, sondern weil es für sie um Optimierung geht. Um Zahlen auf dem Papier.
Und genau das ist der Punkt: Für Milliardäre sind solche Anpassungen in erster Linie Rechenoperationen. Für die Gesellschaft sind sie dagegen echte Spielräume – für Infrastruktur, Bildung, Entlastung und Stabilität.
Oder anders gesagt: Für sie ist es ein kleiner Prozentsatz auf ein riesiges Vermögen. Für alle anderen kann es einen spürbaren Unterschied machen.
Die Idee, dass dadurch massenhaft Arbeitsplätze verschwinden oder „alle Reichen abhauen“, hält sich hartnäckig – ist aber in dieser Form nicht belegt. Was real ist: Diese Vermögen bleiben, die Strukturen bleiben, die Unternehmen bleiben. Und damit auch der wirtschaftliche Einfluss.
Und vielleicht noch wichtiger: Wenn man aufhört, sich an solchen Schreckensszenarien abzuarbeiten, entsteht endlich Raum für die Themen, die wirklich zählen – statt immer wieder dieselben, unnötigen Konflikte im eigenen Umfeld auszutragen.
Warum das „Die gehen dann alle weg“-Argument historisch nicht trägt
Die Angst, dass Wohlhabende „einfach abhauen“, sobald sie stärker zur Finanzierung der Gesellschaft beitragen sollen, ist nicht neu – sie taucht seit über 100 Jahren immer wieder auf. Und genauso lange zeigt die Realität: Sie passiert so nicht.
Im Gegenteil: Viele der größten sozialen Fortschritte wurden genau trotz dieser Warnungen umgesetzt. Einführung von Einkommensteuern, stärkere Besteuerung hoher Vermögen, Arbeitnehmerrechte, Sozialversicherungen – all das wurde begleitet von Prognosen, dass Kapital fliehen, Unternehmen verschwinden und die Wirtschaft zusammenbrechen würde.
Das ist nicht passiert.
Ein Blick in die Geschichte zeigt eher das Gegenteil:
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg – also genau in der Phase mit teils sehr hohen Spitzensteuersätzen und stärkerer Umverteilung – erlebten viele westliche Länder ihr stärkstes Wirtschaftswachstum überhaupt. Die USA hatten in den 1950er- und 60er-Jahren Spitzensteuersätze von über 90 % auf sehr hohe Einkommen, ohne dass „alle Reichen verschwunden“ wären. Gleichzeitig entstanden genau in dieser Zeit breite Mittelschichten, stabile Arbeitsmärkte und soziale Sicherungssysteme.
Auch in Europa: Der Ausbau von Gewerkschaften, Sozialstaat und Arbeitnehmerrechten im 19. und 20. Jahrhundert wurde massiv bekämpft – mit denselben Argumenten wie heute. Trotzdem haben sich diese Strukturen durchgesetzt, und sie bilden heute das Fundament unseres Wohlstands.
Die Forschung bestätigt das nüchtern:
- Studien zeigen, dass Steuererhöhungen für sehr Wohlhabende nur geringe Effekte auf tatsächliche Abwanderung haben. European Tax Observatory kommt in aktuellen Analysen zu dem Ergebnis, dass Wegzüge zwar existieren, aber quantitativ klein bleiben und die gesamtwirtschaftlichen Effekte minimal sind, bzw. sich binnen kürzester Zeit ins krasse, positive Gegenteil verwandeln. Mehr Geld in der Gesellschaft, mehr Kaufkraft. Ein einfaches, wirtschatfliches Naturgesetz: Geld das im Kreislauf bleibt und nicht gehortet wird, vermehrt sich.
- Auch die OECD stellt fest, dass Standortentscheidungen von Unternehmen und Vermögenden von vielen Faktoren abhängen – Infrastruktur, Märkte, Netzwerke – und nicht allein von Steuersätzen.
Was tatsächlich passiert:
Es wird politisch Druck aufgebaut, es wird lobbyiert, es wird argumentiert – aber die grundlegenden wirtschaftlichen Strukturen bleiben bestehen. Unternehmen bleiben dort, wo ihre Märkte sind. Vermögen bleibt dort, wo es gewachsen ist.
Oder anders gesagt:
Das „Die gehen dann alle weg“-Argument ist kein Naturgesetz. Es ist ein immer wieder recyceltes Narrativ, das selten mit der Realität Schritt hält.
Und wenn man es zu Ende denkt:
Hätte man sich davon in der Vergangenheit jedes Mal stoppen lassen, gäbe es heute vieles nicht, was wir als selbstverständlich ansehen – Arbeitnehmerrechte, soziale Absicherung, Mindeststandards. Fortschritt ist selten dadurch entstanden, dass man aus Angst vor Veränderungen nichts getan hat oder künstlich „auf andere wartet“.

Ein Satz, den man sich merken kann
Wenn jemand sagt: „Die Migranten kosten uns ein Vermögen“, dann ist die sachliche Antwort: Nein – Migration kostet in Teilen Geld, bringt aber auch Arbeit, Beiträge, Verjüngung und Wachstum; die wirklich großen Geld- und Machtkonzentrationen liegen bei sehr großen Vermögen. Und wenn jemand sagt: „Die Reichen haben sich das verdient“, dann ist die sachliche Antwort: Zum Teil vielleicht – aber in Deutschland gehen 30 bis 50 Prozent des Vermögens auf Erbschaften und Schenkungen zurück, und eine Milliarde ist nicht bloß viel Geld, sondern tausend Mal eine Million. [30]
Fazit – Den Blick schärfen
Am Ende geht es um eine einfache Frage: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wollen wir eine Gesellschaft, die nach unten tritt und Sündenböcke bei den Schwächsten sucht, oder eine, die nach oben schaut und Verantwortung dort einfordert, wo die größten Ressourcen liegen?
Die Fakten sind eindeutig: Migration ist für Deutschland eine demografische Lebensversicherung. Das eigentliche Problem ist die extreme Schieflage bei Vermögen und Chancen. Wenn wir zulassen, dass Milliardäre ihr Vermögen fast steuerfrei vererben, während Schulen verfallen und Menschen im Niedriglohnsektor gegen Einwanderer ausgespielt werden, dann haben wir als Gesellschaft einen Kompassfehler.
Es ist Zeit, Parolen durch Größenordnungen zu ersetzen. Ein Prozent von einer Milliarde ist mehr wert als tausend Stammtischparolen. Fangen wir an, über die richtigen Zahlen zu sprechen.

Quellen
[1] [26] https://data.worldbank.org/country/switzerland
[2] [3] https://publikationen.bundesbank.de/publikationen-en/reports-studies/monthly-reports/household-wealth-and-finances-in-germany-results-of-the-2023-household-wealth-survey-954660
[4] [11] https://www.ubs.com/se/en/wealthmanagement/insights/global-wealth-report/_jcr_content/root/contentarea/mainpar/toplevelgrid_5684475/col_1/innergrid/col_2/actionbutton.1872006916.file/PS9jb250ZW50L2RhbS9hc3NldHMvd20vc3RhdGljL25vaW5kZXgvZ3dyLTIwMjUtZGlnaXRhbC11cGRhdGVkLnBkZg%3D%3D/gwr-2025-digital-updated.pdf
[5] [12] [14] [18] https://doku.iab.de/kurzber/2025/kb2025-08.pdf
[6] https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1165658
[7] [8] https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/jg202526/JG202526_Chapter_5.pdf
[9] [19] https://mediendienst-integration.de/kriminalitaet/auslaenderkriminalitaet/fuehrt-migration-zu-mehr-kriminalitaet/
[10] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_181_125.html
[13] [30] https://iab-forum.de/en/drivers-of-employment-growth-an-overview-of-the-integration-of-migrants-into-the-german-labour-market/
[15] https://projectwelar.eu/wp-content/uploads/2024/10/D6.3-The-net-fiscal-contributions-of-foreigners-in-Germany.pdf
[16] [23] https://doku.iab.de/forschungsbericht/2025/fb1525.pdf
[17] https://www.destatis.de/Europa/EN/Topic/Population-Labour-Social-Issues/Labour-market/Labour_Mobility.html
[20] https://mediendienst-integration.de/kriminalitaet/auslaenderkriminalitaet/begehen-auslaender-oefter-straftaten-als-deutsche/
[21] https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutzberichte/2025-06-10-verfassungsschutzbericht-2024-fakten-und-tendenzen-kurzzusammenfassung.pdf?__blob=publicationFile&v=3
[22] [24] [25] https://www.skatteetaten.no/en/rates/wealth-tax/
[27] [28] https://www.taxobservatory.eu/www-site/uploads/2025/12/Wealth-taxes-and-high-net-worth-individuals-in-Europe.pdf
[29] https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Fachkraeftebedarf/Generische-Publikationen/Arbeits-und-Fachkraeftemangel-trotz-Arbeitslosigkeit.pdf
